13.03.2025
Besinnungswort zum 16.03.2025
von Almut Ehrhardt
„Die Augen des alten Mannes waren trüb geworden, auch hörte er nicht mehr so gut wie in jungen Jahren, ihm fehlten schon einige Zähne und seine Hände zitterten deutlich. So kam es, dass er ab und zu beim Essen etwas von seiner Suppe verschüttete. Und sein Schlürfen hörte er selbst auch nicht mehr. Seine Schwiegertochter ekelte sich beim Essen vor ihm, und sie beschloss, dass der alte Vater von nun an alleine in der Küche sein Mahl aus einem hölzernen Schüsselchen essen musste. Traurig, jedoch ohne Widerspruch, fügte sich der alte Mann. Eines Tages fand die Frau ihren kleinen Sohn im Schuppen, er war mit einem Stück Holz beschäftigt. ‚Was machst du da?‘ fragte sie ihren Sohn. ‚Ich fertige hölzerne Schüsselchen für dich und Vater, wenn ihr alt seid.‘ Zutiefst erschrak die Frau über die Worte des kleinen Jungen. Sie schämte sich sehr. Von diesem Tag an durfte der Großvater sein Mahl wieder mit der ganzen Familie am Wohnzimmertisch einnehmen.“
Diese Geschichte fand ich neulich beim Aussortieren alter Unterlagen. Ich beschloss, sie nicht weg zu werfen. Der kleine Junge hatte seiner Mutter den Spiegel vorgehalten und sie erkannte ihre eigene Unbarmherzigkeit darin. Der zweite Sonntag der Passionszeit heißt Reminiszere, auf Deutsch: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit! (Psalm 25,6). Und das vierte Gebot lautet: „Du sollst Vater und Mutter ehren, damit es dir gut gehe.“ Gott ist barmherzig. Wir Menschen sollen auch barmherzig sein. Barmherzigkeit ist eine Tugend: Die tätig werdende Nächstenliebe. Warum erzähle ich Ihnen heute diese Geschichte? Weil ich in meiner Tätigkeit immer wieder älteren Menschen begegne, vor deren Lebensleistung ich große Hochachtung habe. Die heute hoch betagten Frauen und Männer haben ihre Kindheit und Jugend in den fürchterlichen Jahren des Zweiten Weltkrieges und danach verbracht. Ihnen blieb keine Zeit zum Feiern oder Chillen. Vor und nach der Schule mussten sie arbeiten auf dem Hof oder auf dem Feld, ihre Väter ersetzen, die zum Kriegsdienst eingezogen worden waren. Und nach dem Krieg hätten einige von ihnen sehr gerne studiert. Aber es gab zu viel Arbeit beim Wiederaufbau. Diese Generation hatte immer ein Ziel: Unseren Kindern soll es einmal besser gehen als uns. Es ist Zeit, dass wir, die nächsten Generationen, Danke sagen, denn es geht uns materiell besser als jeder Generation vor uns. Aber was höre und lese ich in den Medien und von Politikern? „Unsere Gesellschaft überaltert. Die Kosten für die Pflege steigen ins Unermessliche!“ Anstatt Lösungen zu suchen und zu finden, wird der schwarze Peter den alten Menschen zugeschoben, indem sie nur als Kostenfaktor gesehen werden. Ich empfinde solche Äußerungen nicht nur als unbarmherzig, sondern zutiefst unethisch. Den älteren Menschen möchte ich an dieser Stelle für ihre Lebensleistung danken. Den jüngeren unter uns möchte ich sagen: Seid barmherzig und gebt den älteren etwas von der Liebe zurück, die sie euch gaben. Jesus lehrt uns in seiner Bergpredigt: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“